#122 Alb extrem!

165 km auf einem Rennrad zurücklegen, klingt nach einer netten Runde. Das ganze an einem Tag klingt auch noch machbar, wenn man dabei aber noch 3300 Höhenmeter überwinden soll und das bei mehr als 35°C in der prallen Sonne, dann wird es extrem. Wie ich zu dieser Herausforderung gekommen bin und wie ich sie gemeistert habe, das berichte ich heute.

Aber lasst uns ganz am Anfang anfangen. An meinem aller ersten Studientag gab es eine große Versammlung aller Neulinge, die Informatik studieren wollten. Bei dieser Veranstaltung stellten sich alle mögliche Organisationen meiner Hochschule vor. Unter anderem auch die Auslandsstelle, der Unisport, die Studentenvertretung aber auch unser Studiengangsleiter für die Informatik. Neben ein paar motivierenden Worten gab es auch mal etwas Interessantes an diesem Tag, er ist nämlich nicht nur für uns Informatiker zuständig, sondern auch Teamleiter eines Rennradteams der DHBW. Dieses team fährt einmal im Jahr bei einem Fahrradmarathon über die schwäbische Alb mit. Damit weckte er zwar schon mein großes Interesse aber leider fand ich in den nächsten Wochen niemanden aus meinem Kurs, der mit mir zu diesem Team und zum Radmarathon gehen wollte und so schwand meine eigene Motivation auch bald wieder.

Im ersten Semester hatte ich unteranderem auch eine Vorlesung, die sich mit der Programmierung in C auseinandersetzte und unser Dozent fragte in den ersten Stunden nicht nur, wer denn schon Erfahrungen mit der Sprache habe, sondern auch, wer gerne Fahrrad fährt. Da war ich natürlich gleich am Start und hörte bekannte Worte. Auch er machte Werbung für die Teilnahme am Alb extrem im team der DHBW und nach ein bisschen Überzeugungsarbeit seinerseits meldeten sich ein Kommilitone von mir und ich für den diesjährigen Alb extrem an, ohne wirklich zu wissen, was auf uns zu kommt. Dazu muss man wissen, dass der Alb extrem seit 36 jährlich auf der schwäbischen Alb ausgerichtet ist und ein extrem Marathon ist. Marathon bezieht sich hierbei auf die lange Strecke, die man dabei fährt. Angeboten werden folgenden Strecken, welche an einem Tag zurückgelegt werden sollen: 80 km, 165km, 200km, 265km und 300km. Wir entschieden uns bei der Anmeldung für die 200km Runde und waren auch sehr optimistisch. Grundsätzlich sind 200km an einem Tag kein sehr großes Problem für einen geübten Radfahrer, beim Alb extrem kommen aber noch einige Höhenmeter dazu, die überwunden werden wollen. Bei unserer Runde sollten es 3600 Höhenmeter sein, was das ganze zu einer größeren Herausforderung macht.

Nach meiner Anmeldung im Januar hatte ich noch gut 6 Monate Zeit mich darauf vorzubereiten. Wobei jedoch die ersten 2 Monate aufgrund des Wetters und meines Prüfungsstresses nicht für Radfahrten in Frage kamen. Nach meinen Prüfungen kam dann die nächste Praxisphase, welche ich in Frankfurt am Main verbringen durfte. Dort konnte ich die Wochenenden mit meinem Radtraining verbringen und konnte am Main entlang gut Kilometer machen. Mit der Rückkehr vom PE zurück nach Stuttgart hatte ich auch nun die Möglichkeit nach der Uni meine Runden zu drehen. Relativ schnell fand ich eine coole Rennradrunde, die optimal war um sie nach einem Tag in der Uni noch zu fahren. Diese Runde drehten ein Kumpel und ich relativ häufig, sodass sich meine Form immer weiter verbesserte. Eine Woche vor dem Alb extrem trafen wir uns dann nochmal mit unserem Dozenten aus der C Vorlesung und machten mit ihm ein paar Runden. Freitagabend drehten wir eine coole Runde durch das schöne Siebenmühlental und konnten sogar noch auf ein Radler einkehren. Sonntag wollten wir diese Tour eigentlich wiederholen, wir entschieden uns am Anfang aber dagegen und bogen auf eine größere Rund ab. Über den Schönbuch ( ein bekannter Wald) ging es bis nach Tübingen und über die Dörfer zurück nach Böblingen und Vaihingen. Auch die Tour lief sehr gut, nur verbrannte ich mir ordentlich die Arme in der Sommersonne. All das machte mich sehr zuversichtlich, dass auch der Alb extrem gut für mich laufen würde.

Und nun lief der Countdown, 7 Tage bis zum Start! So langsam wuchs bei mir auch die Aufregung und immer ging ich im Kopf meine Liste durch, was ich vor dem Marathon noch machen muss bzw. einpacken muss. Weiterhin schaute ich jeden Tag gespannt auf den Wetterbericht aber dieser wurde und wurde nicht besser. Es waren immer über 30°C und pralle Sonne angesagt, das war bis dato wirklich das einzige was mir wirklich Sorgen machte.

Samstag gings dann richtig los. Ich packte alles wichtige zusammen in meinen großen Wanderrucksack und machte mich mit dem riesen Ding auf dem Rücken und meinem Fahrrad unterm Hintern auf den Weg nach Böblingen. Glücklicherweise konnte mich meint Dozent (ab hier Arne) mich und mein Rad in seinem Auto mitnehmen. Der Start lag nämlich mitten in der Pampa, ca. eine 3/4 Stunde von Stuttgart aus entfernt. Mit jedem Kilometer, den wir näher an den Start/ Zielpunkt kamen, wurde ich immer und immer aufgeregter, ich wusste ja schließlich überhaupt nicht was mich da erwarten würde und schon nach kurzer Zeit musste ich doch feststellen, dass die schwäbische Alb doch höhere Berge hatte als ich es ursprünglich erwartet hatte aber diese Erkenntnis bestätigte sich dann erst Sonntag beim eigentlichen Marathon. Als wir an kamen bauten wir erstmal unser Lager auf. Arne schlief in seinem Auto und ich konnte glücklicherweise in einem Zelt von Arne direkt daneben schlafen. Ohne das Zelt hätte ich in einer anliegenden Turnhalle schlafen müssen, welche sich bei den Temperaturen natürlich ordentlich aufheizt. Wir holten unsere Startnummern und Trikots ab und machten uns noch ein paar entspannte Stunden mit ein bisschen Radler und Nudeln. Es ist echt cool, was sich bei diesem Event für eine Gemeinschaft bildet, Arne traf ständig irgendwelche Leute, die er aus anderen Jahren oder irgendwo anders her kannte und wir unterhielten uns den Abend lang. Kurz vor 10 löste sich dann langsam die Veranstaltung auf und jeder wanderte Richtung Zelt etc.

Tatsächlich hätte ich mich gefreut, wenn ich auch kurz nach 10 eingeschlafen wäre aber die Blaskapelle hat noch so lange im Festzelt gespielt, dass ich erst kurz nach 12 das erste Mal richtig schlafen konnte und dabei sollte es eine besonders kurze Nacht werden. Meinen Wecker hatte ich auf 4:30 Uhr gestellt aber bereits um 4 machte sich mein Nachbar laut bemerkbar und dann konnte ich auch nicht mehr schlafen. 4: 30 hielt ich es nicht mehr im Schlafsack aus und warf mich in meine Radklamotten. Nach einem kurzen Besuch beim Frühstück, wurden die letzten Sachen für den Tag zusammengepackt und schon rollten wir los zum Startpunkt A.

Ursprünglich war der Start ab 5:30 Uhr frei gegeben aber da so viele Menschen am Start standen und alle so ein Bändchen für die Verpflegung brauchte, rollten wir erst 15 Minuten vor 6 durch den Start. Was für ein Gefühl, jetzt konnte es endlich losgehen, die große Herausforderung und schon nach den ersten 300 Metern begann der erste Berg, welcher uns die ersten paar Kilometer begleitete. Arne und ich hatten uns darauf geeinigt, dass wir zusammen diese Herausforderung nehmen wollten und so fuhren wir auch immer gemeinsam, bis auf die Bergetappen. bereits im Training merken wir, dass wir am Berg ein unterschiedliches Tempo fahren und so warteten wir immer am Gipfel aufeinander. Nachdem wir den ersten Berg genommen hatten, eröffnete sich uns ein wunderschöner Blick über die Täler der schwäbischen Alb. Am Horizont ging so langsam die Sonne auf und alles war perfekt. Nach dem ersten Anstieg folgte natürlich auch eine schöne und schnelle Abfahrt, da das ganze Event aber kein Flachlandmarathon ist, ging es natürlich auch direkt wieder den Berg hoch. Dieses Prozedere kauten wir auf den ersten 44km ganze 3 Mal durch und kamen schließlich kurz vor 8 an der ersten Verpflegungsstation an. Dort gab es neben Schnittchen und Obst auch endlich neues Wasser, da ich bereits meine beiden 750ml Wasserflachen auf der ersten Etappe leer getrunken hatte.

Nach einer Pause ging es weiter, immer im gleichen Rhythmus, immer hoch auf die Alb und danach wieder runter. Aber bereits an den ersten Bergen fiel mir etwas auf, was ich in all meiner Vorbereitung überhaupt nicht bedacht habe. An jedem Berg konnte ich zwar mit den anderen Radfahrern gut mithalten aber irgendwie gab es doch einen Unterschied zwischen den meist schwäbischen Teilnehmern und mir. In meinem kleinsten Gang, mit dem man die Berge nimmt, trat ich in einem relativ langsamen Rhythmus und musste pro Tritt mehr Kraft aufwenden. Meine Mitfahrer traten am Berg alle wesentlich schneller in ihre Pedale, als sie ihren kleinsten Gang benutzten. Physikalisch gesehen haben wir zwar beide die gleiche Energie aufgebracht, um den Berg zu bezwingen aber jeder der mal mit dem Fahrrad einen Berg erklommen hat weiß, dass es angenehmer ist wenn man mit weniger Kraft etwas schneller treten muss. Und auch gleich ist mir eingefallen, wo mein problem lag. ursprünglich habe ich mein Rennrad ja in der Nähe von Ludwigsfelde gekauft und ihr alle wisst, dass es dort keine Berge gibt. Deswegen ist die Schaltung bzw. die Kraftübertragung auf eine möglichst schnelle Geschwindigkeit auf einer flachen Strecke ausgelegt, was mir an den Bergen der schwäbischen Alb natürlich nicht half. Irgendwann muss ich mal meine Übersetzung am Rad etwas verändern.

Etwas demotiviert durch meine schlechte technische Vorbereitung ging es weiter Richtung Verpflegungsstation 2. Vorher lag aber noch ein letzter Anstieg auf die Kuchalb vor uns. Leider fing der berg mit guten 17-18% Steigung an, was mich zum Absteigen zwang. Mit dieser Übersetzung war einfach kein Vorankommen möglich. Zum Glück war das sehr steile Stück bald vorbei und ich konnte weiterfahren. Oben angekommen, verfuhren wir uns aufgrund schlechter Ausschilderung und landeten auf einmal an der allerletzten Verpflegungsstation auf der Strecke. Über einen weiteren Berg ging es wieder zurück auf die Strecke und zurück zur Verpflegungsstation. Mittlerweile war es kurz nach 10 und die Sonne ballerte schon ordentlich, sodass ich mich über das frische Wasser und die Snacks freute.

Zwischen den Stationen lagen immer ca. 40 km aber auf der dritten Etappe von Kilometer 80 bis 120 war kaum ein Fortschritt zu sehen. Gefühlt sind wir Ewigkeiten Berge rauf und runter gefahren aber kamen nie an der nächsten Verpflegungsstation an. Die Mittagssonne machte einen sehr kraftlos und "ramdösig" aber irgendwie standen wir es mit einigen zusätzlichen Pausen durch und kamen schließlich an. Vorort hätten wir uns entscheiden müssen, ob wir nun auf die 200km Tour abbiegen oder ob wir es bei der kürzeren 165 km Tour belassen. Normalerweise fährt Arne immer die 200km Tour aber heute entschieden wir uns eindeutig für die kurze Runde, da die Hitze immer schlimmer wurde. Bevor es aber weiter ging, machten wir noch die wohlverdiente Pause. Mit ein paar Broten, frischem Wasser, kaltem Joghurt und gebackenem Kuchen machten wir es uns im Schatten bequem. Generell fehlte es an jeder Station an Möglichkeiten sein Fahrrad sauber irgendwo hinzustellen. Es ist einfach logistisch nicht möglich für ca. 3000 Starter Fahrradständer bereit zu halten. Bei dieser Station fand ich keinen Platz mehr und musste es deshalb an einem Fahnenmast bei der Massagestation abstellen.

Nach der Pause wollte ich meine Flaschen wieder verstauen, damit wir weiterfahren konnten aber als ich bei meinem Rad an kam, kam schon der Masseur auf mich zu und sagte: "Ah da ist ja der Besitzer des Rades, wo es eben knall gemacht hat". Zuerst dachte ich er verarscht mich, da ich mein Rad an der Flagge seiner Station abgestellt hatte aber als ich mein Hinterrad prüfte, war es komplett leer. Sowas war eigentlich nicht eingeplant auf unserer Tour aber ich war erstmal glücklich, dass mir der Reifen nicht beim Fahren unter meinem Hintern geplatzt ist. Glücklicherweise hatte genau diese Verpflegungsstation einen Werkstattservice und innerhalb weniger Minuten wurde mir der Schlauch an meinem Hinterrad gewechselt. Für den Notfall hatte ich sowieso noch einen Ersatzschlauch dabei und so konnte der gleich verbaut werden.
Danach ging es auch schon weiter auf der Strecke. Das nächste Hindernis war auch schon wieder ein extremer Berg mit ca. 17-18% Steigung, der auch noch voll in der Sonne lag und natürlich musste ich da wieder absteigen und schieben. Zum Glück war der Berg nicht lang aber absolut demotivierend für mich. Nach dem Berg ging es dann aber auch wieder mit 18% runter, was echt steil war. Ein paar hundert Meter weiter kam auch schon der nächste Berg, welcher zwar flacher war aber irgendwie schlug an diesem Berg meine Stimmung komplett um. In der ersten Spitzkehre stieg ich bereits ab und hätte am liebsten mein Rad im Straßengraben abgestellt und auf den Besenwagen gewartet, da ich kaum noch Kraft und Motivation hatte. Zum Glück redete mir Arne mit sehr guten Worten zu und nach einer Pause entschied ich mich den Berg erstmal hoch zu schieben. Da der Berg zwar flacher war sich dafür aber ewig zog stiegen wir bald auch wieder aufs Rad und fuhren sehr langsam den Berg hoch und dies tatsächlich nur, um danach wieder die schwäbische Alb Richtung Tal zu verlassen. Am letzten Berg vor der letzten Verpflegungsstation strahlte die Sonne so sehr, dass ich nur noch tropfte. In einigen Videos vom Alb extrem wird sogar von 42°C in der Sonne gesprochen. Da verwundert es mich auch nicht, dass uns ständig Krankenwagen und Notärzte mit Blaulicht überholten.

An der letzten Verpflegungsstation gönnte ich mir dann nochmal sämtliche Energie, die ich bekommen konnte. (Nebenbei gesagt, war das die Station, die wir am Vormittag schon mal irrtümlicherweise besucht hatten). Nach Cola, Joghurt, Schnittchen und frischem Wasser stellte ich mich auch nochmal kurz unter die aufgestellte Gartendusche und kühlte mich ab. Nach der Pause ging es noch einmal ein steiles Stück hoch und dann fuhren wir einige Zeit auf der schwäbischen Alb rum, um dann wieder ins Tal zu fahren und uns dem letzten Berg zu stellen. Am Anfang musste ich auch da wieder schieben aber es war so unglaublich anstrengend in der Hitze, dass ich nicht mehr konnte. Tatsächlich war es so war, dass der Asphalt bereits anfing zu schmelzen bzw. an den Schuhen zu kleben. Aber nach dieser Tortur ging es nur noch leicht bergauf und einmal schön steil bergab und direkt ins Ziel, was ein unglaubliches und befreiendes Gefühl war. 18:35 Uhr war dann unser offizieller Zieleinlauf. Am liebsten hätte ich mich direkt irgendwo in den Rasen gelegt aber wir holten uns erstmal ein alkoholfreies Belohnungsradler.

Im Ziel trafen wir dann auch wieder all die Leute, die wir am Vortrag schon getroffen hatten und welche heute wesentlich früher im Ziel waren. Mein Kommilitone war bereits um kurz nach 1 Uhr ins Ziel gekommen, nachdem er die 80 km Runde gefahren war. Mein Studiengangsleiter hatte sich tatsächlich an den 265 km versucht, diese Tour dann aber abgebrochen, um sich nicht unnötig zu gefährden. Schlussendlich ist er trotzdem 200km gefahren und war vor uns im Ziel.

Schlussendlich muss ich sagen, dass mir das Event trotz der Hitze sehr gefallen hat und ich in den nächsten Jahren auf jeden Fall nochmal teilnehmen möchte. Tatsächlich würde ich vermuten, dass die 200km Tour bei angenehmen Temperaturen auch machbar ist.

Und das war die Geschichte von meinem Alb extrem. Jetzt im Sommer werde ich mit meinem Rad an der Nord-/ Ostseeküste entlang fahren und auch diesmal wieder etwas bloggen, also seid gespannt. :)

PS:
Hier noch die Statistiken, die ich an diesem Tag per Hände aufgezeichnet habe:

Strecke: 166,85 km
Dauer (ohne Pausen): 8:48 h
Durchschnittsgeschwindigkeit: 18,9 km/h
Max. Geschwindigkeit: 60,6 km/h
Überwundene Höhenmeter: 3364 Meter
Pausen: 4:14 h

38% der Zeit sind wir bergauf gefahren
max. Steigung aufwärts: 26%
Durchschnittliche Steigung: 8%

Da können sich natürlich irgendwelche Messfehler von meinem Handy einschleichen, aber grundsätzlich sieht das sehr reell aus :)

Kommentare

Herzlichen Glückwunsch! Wie schön, dass Du wieder Kontakt zu Radfahrern hast. Es muss ja nicht immer sooo eine strapaziöse Tour sein vor allem nicht bei über 40 °. Auf ein Neues!